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Family Matters – Geständnisse in der S Bahn

familie
Geschrieben von Sabrina

Knapp 4 Monate trennen mich von meinem Abschied aus Deutschland.

Werde ich jetzt schon sentimental, oder was?!

 

Noch 4 Minuten.

Ich laufe die letzten Stufen der Treppe hinunter.

Um mich herum wuseln Menschen, laufen wild durch die Gegend und stehen fragend vor dem Fahrscheinautomaten.

Meine Finger graben sich den Weg in meine Tasche. Ich hole mein Ticket raus, stecke es in den Fahrscheinentwerter und höre ein lautes „Piep“.

Langsam wende ich mich zum Gleis und versuche, ein paar Strahlen der noch am Himmel stehenden Sonne zu erhaschen.

Noch 3 Minuten.

Irgendwie schwirrt es in meinem Kopf. Und doch bin ich von einer unfassbaren Ruhe und Müdigkeit durchzogen.

Die letzten 5 Stunden habe ich im Kreise meiner Familie verbracht. Der Teil der Familie, der mich immer wieder vor ungeahnten Herausforderungen stellt.

Immer wieder sehe ich mich angesichts eines bevorstehenden Treffens quälenden Gefühlen gestellt und möchte der Begegnung am liebsten aus dem Weg gehen.

Irgendetwas hält mich fern von den Menschen, die ich Familie nenne.

Und es schmerzt ganz schön doll, das so offen zuzugeben.

Immer und immer wieder zu bestimmten Anlässen stehe ich mit mir selbst im Konflikt und möchte mich am liebsten vergraben.

Ich fühle mich verletzlich, klein und wie ein 5 jähriges Kind, dass sich irgendwie fehl am Platz fühlt.

Und dann kommt der Moment der Begegnung, so wie heute, an diesem Sonntag im April.

Mein Herz rast, mein Kopf legt sich Antworten und Sätze zurecht. So kenne ich mich nur in diesen Momenten, nur mit diesen Menschen. Ich erwarte das Schlimmste und finde diese Eigenschaft ganz furchtbar.

Und dann sind sie da.

Und alles ist gut. Wie immer.

Es wird gelacht, gegessen und erzählt. Wir haben uns lange nicht gesehen, ich und meine Familie. Und ich bin, wie jedes Mal, überrascht und gerührt von der Wärme und der Herzlichkeit die mir entgegengebracht wird.

Noch 2 Minuten.

Mein Blick schweift über den Bahnsteig während ich in Gedanken verloren an mein Leben und meine Familie denke.

An dem kleinen Imbisshäuschen auf dem Bahnsteig steht ein Pärchen. Große Rucksäcke und innige Verabschiedungen lassen erahnen, dass einer der beiden in die Bahn steigen wird, der andere nicht.

Die beiden sind in ihrer Welt, nichts und niemand kommt den vertrauten Blicken in die Quere.

Ich denke darüber nach, ob ich unglücklich bin.

Ich, so wie ich kämpferisch allein in die Welt reisen möchte, nur mit mir. Ich frage mich, ob ich auch lieber zu zweit wäre, ob ich das vermisse, dieses innige miteinander, die vertrauten Blicke und das Vermissen des Anderen nach gemeinsamer Zeit miteinander.

Kurz habe ich Angst, dass ich davon laufe. Das mein Vorhaben in die Welt zu ziehen nur ein Schritt ist, mich vor den Schmerzen die ich hier erfahren habe zu schützen.

Vor den Schmerzen vergangener Beziehungen und vor einem Teil der Familie, zu der ich mich nicht zugehörig fühle.

Nein. Ich laufe nicht weg.

Ich wende meinen Blick ab und weiß, dass ich weder vor etwas davon laufe, noch mit Hoffnung im Herzen auf etwas zusteuere.

3 lange Beziehungen schmücken den Weg meines bisherigen Lebens und 3 schmerzhafte Trennungen brachten mich immer wieder an den Boden.

Noch ist nicht die Zeit für mich. Noch möchte ich allein sein.

Ich habe Vertrauen in den Prozess den ich mein Leben nenne. Und ich liebe dieses Leben. Jeden Tag.

Bis hierhin war es ein langer Weg und ich weiß, dass all das was in der Vergangenheit liegt und mir manches mal so sehr das Herz zerrissen hat sein musste um dort anzukommen, wo ich jetzt bin.

Noch 1 Minute.

Ich liebe meine Familie.

Jeder einzelne von ihnen hat seine Macken und ist irgendwie ganz wunderbar so wie er ist.

Und ich möchte die Augen öffnen und das sehen. Ich möchte mein Herz öffnen und es spüren.

Ich möchte mich ohne Vorbehalte auf die Menschen einlassen können, die mein Leben geprägt und mich zu dem gemacht haben, was ich heute bin.

Mit jeder Aufgabe der ich mich konfrontiert sehe, wachse ich. So auch mit dieser, hier und heute in Berlin, an diesem Sonntag.

Vielleicht ist es das Wissen darum, dass ich sie für eine lange Zeit nicht sehen werde. Insgeheim spüre ich jedoch, dass genauso wie ich mich entwickelt habe, auch sie sich entwickelt haben. Wir haben ein besseres Verständnis füreinander.

Das lässt uns zusammenwachsen, ein wenig jedenfalls.

Die Bahn fährt ein.

Das knarzende Geräusch der Gleise holt mich kurz aus meinen Gedanken. Als die Bahn stoppt, sehe ich mein Spiegelbild im Fenster.

Während ich mir in die Augen schaue wird mir klar, wie glücklich ich mich schätzen kann.

Es gibt Menschen, die ich Familie nennen kann. Die für mich da sind, wann immer ich sie brauche. Und auch wenn es unausgesprochen ist, weiß ich doch, dass ein Anruf reichen würde und ich hätte eine ganze Armee von Menschen, die sich meiner annehmen würden.

Gott, wie gut das tut, das zu begreifen. Ich bin 27 Jahre alt und merke erst jetzt in diesem Moment, was für grandiose Menschen sich hinter meinen Ängsten verbergen.

Mein alter Schmerz liegt manchmal wie dicker Nebel über diesem Wissen.

Jetzt, wo die Zahl der Tage die ich noch in Deutschland bin mit jedem Tag kleiner wird, beginne ich intensiv mein Leben aufzuräumen.

Denn ich möchte nicht aus den falschen Gründen gehen. Mir kein schöneres Leben mit besseren Menschen in der Welt dort draußen suchen.

Ich möchte mein schönes Leben mit grandiosen Menschen hier, in meiner Heimat wertschätzen können.

Ja, so eine anstehende Reise macht manchmal scheiße sentimental und holt den Dreck vergangener Zeiten hoch. Und man, tut das gut.

Zurückbleiben, bitte.

Die Bahn rollt los und ich sitze mit Kopfhörern in den Ohren und Sonne im Gesicht am Fenster. Ich muss lächeln.

Die letzten 5 Stunden dieser Familienfeier haben mich fertig gemacht. Ich bin müde, ausgelaugt und will nur noch ins Bett.

Aber ich weiß genau, dass ich mit dieser Anstrengung etwas grandioses verbinden kann: den Moment in dem mir klar wird, dass es meine Einstellung zu den Dingen und den Menschen ist, die mir die Sicht vernebelt, mir den Tag vermiest und mich mit schlechten Erwartungen auf diese Begegnung vorbereitet hat.

Als sich die Bahn immer weiter entfernt, lasse auch ich alten Ballast hinter mir.

Ich denke an die nächsten 4 Monate die ich noch in Deutschland verbringen werde und bekomme ein vorfreudiges Kribbeln im Bauch als ich an meine bevorstehende Reise denke.

Ich schließe die Augen, lehne den Kopf an die Scheibe und lasse mich durch die Stadt tragen.
Im Hinterkopf denke ich an die Einladung zur nächsten großen Familiensause. Ich freue mich drauf.

Auf die Begegnung mit mir selbst, meinen Gefühlen und den Menschen, denen ich so viel bedeute, dass sie mich in ihrer Nähe haben wollen.

Das ist ein schönes Gefühl. Ein richtig schönes Gefühl.

Endstation. Dieser Zug endet hier. Bitte alle aussteigen.

 

Ja, wirklich jede Reise zählt.

 

Wie geht es dir, wenn du an deine Familie denkst? Stehst auch du vor einem Abschied?

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